[Sanja bloggt]: Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

 

Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße
Eichborn
238 Seiten
ISBN: 978-3-8479-0579-0
18,00 €
ab 16 Jahren

Zum Autor:
Neil Gaiman hat bereits über 20 Bücher geschrieben und ist mit vielen Preisen der Buch- und Comicszene ausgezeichnet worden. Zu seinen Werken zählen u.a. Der Roman “Die Sternenwanderer” und “Coraline”, die auch verfilmt wurden. Er schrieb Drehbücher für “Doctor Who” und “Babylon 5″ und arbeitete bereits mit vielen internationalen Künstlern zusammen, wie “Terry Pratchett” und “Tori Amos”.

Zum Buch:
Ein Mann kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück und erinnert sich an einige Erlebnisse, als er sieben Jahre alt war und Lettie Hempstock und ihre Mutter und Großmutter kennenlernte. Dann geschehen auf einmal merkwürdige Dinge.

Meine Meinung:
Zugegeben, die Handlung lässt sich nicht in viel mehr Worte verpacken, als diese, ohne zu viel zu verraten. Trotzdem ist dieses Buch ein Meisterwerk der Erzählkunst. Neil Gaiman schreibt mit soviel Hingabe und Leidenschaft, dass es fast schmerzt, das Buch mit seinem Protagonisten gehen zu lassen, nachdem es beendet wurde.

Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs. Und er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es sein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch.
Neil Gaiman // Der Ozean am Ende der Straße // Einleitung, Seite 7

Dieser Satz, der die Einleitung zu diesem phantastischen Werk liefert, zeigt am Besten, worum es geht: um Phantasie, wahre Freundschaft und den Glauben, Grenzen zu sprengen.

Der Mann, dessen Namen wir nie erfahren, ist der Ich-Erzähler dieser Geschichte. Er kehrt eines Tages an den Ort seiner Kindheit zurück und erinnert sich plötzlich an Dinge, die viele Jahre im verborgenen lagen und nun an die Oberfläche zurückdriften, z.B. an seine Freundschaft zu Lettie Hempstock, die behauptete der Teich hinter ihrem Elternhaus wäre ein Ozean.
Dann trifft er plötzlich auf ihre Mutter und je länger er sich an diesen Ort verliert, desto mehr Erinnerungen kehren zurück.

Eines ist sicher: Dieses Buch kann man nicht in Worte fassen. Es ist wie ein Stück Baiser, das langsam auf der Zunge schmilzt und je intensiver man den Geschmack auskosten möchte, desto schneller verschwindet er. Es ist ein geradezu poetisches Märchen ohne Kitsch und Ritter auf weißen Pferden und doch so viel mehr. Eine Geschichte, die Phantasie und Realität vermischt und Grenzen auswäscht.

Während wir altern, werden wir zu unseren Eltern; wenn man lange genug lebt, sieht man die Gesichter seiner Jugend wieder.
Neil Gaiman // Der Ozean am Ende der Straße // Seite 13

Worum geht es also noch? Es geht um wahre Freundschaft, die Größe zeigt und Flügel verleiht. Freundschaft, die Grenzen überwindet und selbst Ungeheuer in die Knie zwingt. Doch am Ende muss auch der Junge erkennen, dass alles seine Zeit hat.

Ungeheuer gibt es in allen möglichen Größen und Formen. Manche von ihnen sind Dinge, vor denen die Leute Angst haben. Manche von ihnen sind Dinge, die aussehen wie Dinge, vor denen die Leute vor langer Zeit Angst gehabt haben. Manche Ungeheuer sind Dinge, vor denen die Leute Angst haben sollten.
Neil Gaiman // Der Ozean am Ende der Straße // Seite 149

Fest steht: Das Buch ist nicht für jeden Leser geeignet. Wenn man sich jedoch darauf einlässt, wird man Tausendfach belohnt.

Fazit:
Ein Buch, dass so viel mehr birgt, als ein tolles Cover. Ein Meisterwerk der Erzählkunst, auf dass man sich jedoch einlassen muss.

[Sanja bloggt]: Sally Gardner – Zerbrochener Mond

Sally Gardner – Zerbrochener Mond
Carlsen
277 Seiten
ISBN: 978-3-551-58307-9
16,90 €
ab 14 Jahren

Zur Autorin:
Sally Gardner ist Legasthenikerin und hat dadurch bedingt erst mit 14 Jahren lesen gelernt. Trotzdem wurde sie auf einer Kunstschule angenommen. Sie arbeitete lange Zeit als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin, bevor sie mit dem Schreiben begann. Heute ist sie eine erfolgreiche Jugendbuchautorin und ihre Werke werden in 22 Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt in London.

Zum Buch:
Irgendwo auf dem Planeten Erde, in einer Zeit, nach dem zweiten Weltkrieg: ein totalitäres Regime hat die Macht übernommen und strebt die Weltherrschaft an. Standish Treadwell lebt mit seinem Großvater in Zone 7 bei den Unreinen. Dort werden alle Menschen hingeschickt, die das System stören. Standish gilt als unrein, weil er zwei verschieden farbige Augen hat und ihm die Andersartigkeit buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht. Außerdem kann er weder lesen und schreiben und ist daher auch ein Gespött in der Schule. Er wird gemobbt und oft verprügelt.
Eines Tages zieht Hector mit seiner Familie in das Nachbarhaus ein. Sie wurden von Zone 1 in Zone 7 umgesiedelt, weil sein Vater sich weigerte für das Regime zu arbeiten. Standisch und Hector freunden sich an und helfen einander so gut es geht und Standish wird nicht mehr verprügelt.

Und dann gibt es noch Standish mit seiner Phantasie, die wie eine frische Brise durch den Park weht, sieht die Bänke gar nicht, merkt bloß, dass keine Hundescheiße da ist, wo Hundescheiße sein sollte.
Sally Gardner // Zerbrochener Mond // Seite 10

Als das Regime verkündet, eine Rakete auf den Mond schicken zu wollen, träumen Standish und Hector davon, selbst in einer gebastelten Rakete auf den Planeten Juniper zu fliegen. Eines Tages macht Hector eine Entdeckung, von der er seinem Freund nichts erzählen will. Am nächsten Tag ist die gesamte Familie weg und Standish allein.

Ich habe doch gesagt, Tod und Verschwinden sind ein und dasselbe. Beide stinken.
Sally Gardner // Zerbrochener Mond // Seite 66

Plötzlich ist alles wieder so, wie es war, bevor Hector kam. Er wird wieder gemobbt und kann sich niemandem anvertrauen. Dann wird er auch noch von den Ledermantelmännern befragt. Als er selbst eine unglaubliche Entdeckung macht, dämmert Standish langsam das ganze Ausmaß seiner Misere. Er muss handeln oder die Welt ist für immer verloren.

Meine Meinung:
Die Autorin hat hier eine brisante und zeitlose Geschichte erdacht. Zwar wird mit keinem Wort erwähnt, wo die Geschichte spielt, doch die Parallelen zum Naziregime sind überaus präsent: Ledermantelmänner, Strammstehen vor der Flagge des Mutterlandes, Deportationen und die Ausbeutung Andersartiger. Ein Menschenleben zählt hier nicht. Die Erzählung macht deutlich, dass unter anderen Umständen ein solches Szenario durchaus und immer wieder denkbar ist. Gerade das macht die Geschichte so lebendig und traurig zugleich.
Das zweite, große zentrale Thema ist die Mondlandung. Ohne hier zu viel vorwegzunehmen: die Autorin hat sich durchaus mit dem Thema auseinandergesetzt und Fragen, die sich heute noch hunderte von Menschen stellen, gekonnt in Einklang gebracht. Das ist ganz großes Kino!

Standish, der gleichzeitig als Ich-Erzähler fungiert, ist ein ungewöhnlicher Junge, der gegen den Strom schwimmt und sogar das eigene Leben aufs Spiel setzt, um die Welt zu retten. Die Frage ist, wie würde jeder einzelne von uns reagieren? Würden wir nur die eigene Haut retten oder die Welt verändern wollen? Den alles entscheidenden Schritt unternehmen, auch wenn es der Letzte ist?

In Standish reift langsam aber sicher ein Plan heran. Er muss den Menschen die Augen öffnen und den Plan des Regimes vereiteln. Doch wird ihm dies überhaupt gelingen? Ein Kampf gegen Goliath? Leider lässt die Geschichte nicht allzu viel Hoffnung auf ein Happy-End zu.

Das Cover ist ein absoluter eye-catcher und das Buch macht auch ohne Umschlag eine tolle Figur. Im Innenteil gibt es eine weitere Besonderheit. Hier wurde parallel zur Handlung eine weitere kleine Geschichte in Bildern hinzugefügt. Eine Art Daumenkino, nur ohne Daumen. Diese Geschichte in Bildern steht und fällt mit dem Handlungsstrang der Hauptgeschichte. Für mich ein ganz besonderes und einmaliges Leseerlebnis. Ich finde es einfach nur toll, welche Mühe sich manche Autoren und Verlage geben.

Erwähnen sollte ich vielleicht noch die ‘speziellen’ Ausdrücke, die Standish gebraucht: sei es die Blattläuse, die die Mitläufer bzw. Regimetreuen darstellen sollen oder das Land Croca-Cola, in das Standish mit Hector reisen möchte – die Autorin beweist Feingefühl und eine hohe Erzählkunst.

Fazit: 
Eine fiktive Geschichte mit intensiver Sogwirkung in einer düsteren Parallelwelt und der zentralen Frage über die Moral sowie ein Plädoyer für die Andersartigeit. Absolute Leseempfehlung!

 

[Sanja bloggt]: Nina Vogt-Østli – Der Tag wird kommen

Nina Vogt-Østli – Der Tag wird kommen

Coppenrath
240 Seiten
ISBN: 978-3-649-61386-1


Zu der Autorin:

Nina Vogt-Østli wurde im Jahre 1972 geboren und lebt mit ihrer Familie in Oslo. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft, arbeitete sie viele Jahre als Online-Redakteurin. “Der Tag wird kommen” ist ihr erster Jugendroman, der bereits vor den Attentaten von Anders-Behring Breivik entstand.


Das passiert:

Hans-Petter hat es nicht leicht. Er lebt allein mit seiner Mutter und führt ein sehr zurückgezogenes Leben. Er hat keine Freunde und wird zu dem noch von den Klassenkameraden gemoppt. Er ist das perfekte Opfer: ruhig und introvertiert, begehrt nicht auf. Doch eines Tages beginnt sein Lehrer ausgerechnet eine Beziehung mit seiner Mutter und er erfährt, dass ihn sein Vater niemals wollte. Zeitgleich chattet er mit einem unbekannten Mädchen namens Fera. Sie hat nicht nur einen ungewöhnlichen Namen und ist mysteriös, sondern sie ist auch jemand, dem sich Hans-Petter endlich einmal anvertrauen kann. Und dann geschieht die eine Sache, die sein Leben plötzlich total verändert und sein Blatt zu wenden scheint. Doch ist es das, was er wirklich will?


Meine Meinung:

Zugegeben, ich hatte mir vom Buch anhand des Klappentextes und der Zusammenhänge mit Norwegen etwas völlig anderes erwartet. Trotzdem ist die tatsächliche Handlung keinesfalls schlecht. Im Gegenteil: das Buch regt zum Nachdenken an und bietet genug Zündstoff, um die Frage zu erörtern, ob jemand böse geboren wird oder aufgrund äußerer Einflüsse und Lebensumstände erst böse wird.

Gut und Böse – die Rollen scheinen zunächst klar verteilt: Hans-Petter ist der Gute. Er will einfach nur sein Leben leben und nicht mehr nur das Opfer sein. Andreas hingegeben, ist als Erzfeind und klassischer Raufbold, das genaue Gegenteil. Er sucht sich seine Opfer und schikaniert sie bis an die Grenze. Andreas hat einige Kumpel um sich gescharrt, die seinem Beispiel gern folgen. Selten kommt Hans-Petter glimpflich davon.

Zu Hause flüchtet er sich in seine eigene Welt, schaut Filme mit der Mutter oder zockt sich durch sämtliche Videospiele. Eines Tages erhält er eine Nachricht von der geheimnisvollen Fera, die ihn irgendwie zu kennen scheint. Doch nicht nur das, sie kennt auch Andreas. Woher? Auf die Frage gibt es bis kurz vor Ende keine Antwort. Doch diese kommt dann so gewaltig daher, das sie mich als Leser schier umgehauen hat. Plötzlich wird das eigene Weltbild noch einmal von einer völlig anderen Seite beleuchtet.

Hans-Petter, der es endlich wagt, eine freundschaftliche Beziehung einzugehen, ist von Fera fasziniert und doch hält er sie für irre, denn sie erzählt ihm von einer verheerenden Katastrophe, die beinahe die Menschheit ausgerottet hätte und das sie in der Zukunft lebe. Doch Hans-Petter hat soviel Freude an dem Kontakt, dass ihn die kleine “Macke” nicht davon abhält, weiterhin mit ihr zu chatten.

Wer ist gut, wer ist böse und warum? Das sind die zentralen Fragen, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung ziehen. Doch schlussendlich ist es Fera, die allen eine Nasenlänge voraus ist und Antworten auf Fragen parat hat, die gar nicht gestellt wurden.


Fazit:

Ein packendes Jugendbuch zu einem ernsten Thema, dass man unbedingt gelesen haben muss!
Leider erschien mir der Anfang zu holprig und der Klappentext ist ein wenig irreführend. Trotzdem eine klare Leseempfehlung!

#WM14: Im Rausch des Sieges – Ein Überblick über brandaktuelle Fußballbücher.

Die Fußball-WM ist vorbei, Deutschland ist Weltmeister.  Wir wollen die Leere nach dem Ende der WM mit Büchern füllen! Hier ein Überblick über die Schnellschüsse der Verlage: (Quelle: Börsenblatt)

Kicker_BrasilReportagen und Fotos von allen Partien mit Statistikteil. Neben ausführlicheren Berichten über die Spiele des DFB-Teams gibt es zusätzlich zahlreiche Pressestimmen und Kommentare von Spielern, Trainern und Anderen. Hinzu kommen Detailanalysen der Mannschaften sowie Statistiken zu den einzelnen Spielern.
– packende Berichte und Statistiken von allen Spielen
– Pressestimmen, Kommentare, Analysen
– über 300 brillante Actionfotos

Kicker „Fußball-Weltmeisterschaft Brasil 2014“, Copress Sport, 192 Seiten, circa 300 Farbfotos, Pappband, 19,90 €, erscheint am 19. Juli.

Kicker_WeltelfEine WM lebt nicht zuletzt durch die Superstars des Weltfußballs. Spieler wie Neymar, Lionel Messi, Philipp Lahm und Franck Ribéry begeistern als Supertechniker oder Strategen die Zuschauer im Stadion und am Bildschirm. Ein packender Geschenk-Bildband, zusammengestellt von der »kicker«-Redaktion, die die besten Spieler der Fußball-WM 2014 porträtiert. Faktenreich und großzügig bebildert präsentiert sie den Fans eine illustre Ansammlung grandioser Einzelkönner, aufgestellt in der besten denkbaren Mannschaft: der »kicker« Weltelf.

Kicker „Weltelf – Die besten Fußballer der WM 2014“, Copress Sport, 112 Seiten, circa 100 Farbfotos, Pappband, 19,90 €, erscheint im Laufe des August.

Sportbild_WMSPORT BILD begleitet die deutsche Mannschaft hautnah in Brasilien – und natürlich auch alle anderen Teams . Gastgeber Brasilien, Titelverteidiger Spanien, die starken Argentinier und Italiener. Aber auch die vermeintlichen Außenseiter, die eine Weltmeisterschaft erst so richtig bunt machen. Vom Eröffnungsspiel bis zum 64., dem Finale im weltberühmten Maracaña am 13. Juli. Und das Beste: Alle kleinen und großen Dramen, alle kleinen und großen Triumphe werden in diesem WM-Buch erzählt. Auf 240 Seiten. Mit den besten Fotos der WM.

Alfred Draxler, „SportBild Fußball-WM 2014“ Hoffmann und Campe, 240 Seiten, durchgehend vierfarbig bebildert, Pappband, 12,99 €, 13,40 A, 21,50 CH, erscheint am 16. Juli

Der Triumph von RioDeutschland ist zum vierten Mal Fußballweltmeister! Diesen großartigen Erfolg feiern die renommierten Sportjournalisten Ulrich Kühne-Hellmessen und Detlef Vetten mit knackigen Texten und tollen Bildern. Spannende Spiele, dramatische Elfmeterschießen und der glanzvolle Weg von Müller, Klose, Neuer und Co. zum Titel sind in diesem großformatigen Werk festgehalten. Genau wie die starken Auftritte von Robben, Messi, Neymar, James Rodriguez und vielen anderen, das unerwartete Ausscheiden der Spanier oder die überzeugenden Spiele von sogenannten Underdogs wie Algerien oder Costa Rica. Die besten Fotos der Agentur picture alliance lassen den Leser die Highlights der fußballverrückten brasilianischen Wochen des Sommers 2014 nacherleben. Ausführliche WM-Statistiken sowie Hintergrundberichte zur vieldiskutierten sozialen und politischen Situation des Ausrichterlandes runden ein Werk ab, das zum Nachlesen und zum Wiederentdecken einlädt. Mit einem doppelseitigen Poster als Beilage: Die Weltmeister / Die 16 WM-Tore des Miroslav Klose.

Detlef Vetten, Ullrich Kühne-Hellmessen, „Brasilien 2014 Die Fußball-Weltmeisterschaft“, Verlag Die Werkstatt, 176 Seiten, durchgehend farbig, viele Fotos, Hardcover, 16,90 €, erscheint am 18. Juli.

 

{Brenner bloggt} Feinster Lesestoff für den Frühsommer

Die Frühjahrsprogramme der Verlage ist voller großartiger, lesenswerter Bücher. Ich stelle meine Favoriten vor und beginne heute mit

frisch_berliner-journalMax Frisch: „Aus dem Berliner Journal“.

Nach 20 Jahren Sperrfrist ist dieses Tagebuch endlich uns Lesern zugänglich!
Erster Eintrag vom 6.2.1973: „Übernahme der Wohnung (Sarrazin Strasse 8) und Abend bei Grass. Nieren.“
Das Ehepaar Frisch richtet sich in Berlin Friedenau mit Hilfe von Grass und Johnson ein. Max Frisch berichtet sehr persönlich von seinen Alkoholproblemen, vom Eheleben, seinen Freunden und seiner Traurigkeit und Todessehnsucht. Aber er schreibt auch scharfsinnig über die Gesellschaft und den Literaturbetrieb. Über die Schweiz, Westdeutschland und die DDR.

Seine feinfühlige Annäherung an die Autoren im Osten Berlins hat mich schwer beeindruckt. Spannend und aufregend sind die Besuche bei Wolf Biermann und Christa Wolf. Frisch verhält sich als Schweizer zum geteilten Deutschland sehr differenziert und er wundert sich offen über die Verhältnisse.

Das Berliner Journal ist ein großer literarischer Schatz und ein wichtiges Zeugnis deutsch-deutscher Geschichte.
Leider hat die Max-Frisch-Stiftung Kürzungen am Originaltext vorgenommen, was mich sehr ärgert. Aber dennoch: Es ist ein großartiger Lesestoff.

Max Frisch: „Aus dem Berliner Journal“, Suhrkamp Verlag, gebunden, 235 Seiten, 20 Euro.

Almuth Brenner

Almuth Brenner

[Sanja bloggt]: Lena Klassen – Wild

Lena Klassen – Wild
Drachenmond-Verlag
381 Seiten
ISBN: 978-3-931989-79-8
14,90 €
Empfohlen ab: 12 Jahren

Zur Autorin:
Lena Klassen, geboren 1971 fing schon früh mit dem Schreiben an. Später studierte sie Literaturwissenschaften und lebt nun mit ihrem Mann und einem Haufen Tieren in einem Haus mit einem großen Garten und schreibt weiter spannende Geschichten. Für Blanvalet schreibt Lena Klassen unter dem Pseudonym “Maja Winter” Fantasy-Romane.

Zum Buch: 
In “Neustadt” lebt die siebzehnjährige Pi zusammen mit ihren Mitschülern und hat nicht nur die Schule im Sinn. Sie beschäftigt vor allem die Frage, welcher Partner ihr für die Zukunft zugeteilt werden soll.
Einmal in der Woche holen sich alle Bewohner der “Neustadt” ihre Glücksinjektion ab. Sie soll das Leben in erträgliche Bahnen lenken. Gefühle, Krankheiten, Kummer und Leid kennt man nicht in “Neustadt”. Auch Blumen, Düfte und sogar die Kinder werden künstlich erzeugt. Doch Pi ist nicht so glücklich wie die anderen und lebt in einer Dunstwolke, die sie nur schemenhaft ihre Umwelt wahrnehmen lässt.

Niemals stellt jemand das System in Frage, und wenn doch, wird er aus dem System isoliert und muss in die Wildnis. Dort, hinter dem Zaun, herrschen noch Krankheit und Tod. Alle, bis auf Pi, sind glücklich mit ihrer Glücksinjektion – doch dann geschieht das Unfassbare: Die Glücksdosis versagt! Pi muss eine Entscheidung treffen: Für das System und gegen ihre Freiheit oder für die eigenen Entscheidungen, aber den sicheren Tod vor Augen. Wie würdest Du Dich entscheiden?

Meine Meinung:
Zunächst hatte ich Probleme in die Geschichte hinein zu tauchen, mich darauf einzulassen. Ich fand die Namen wie “Glücksstadt” und “Neustadt” einfallslos. Doch nach ein paar Seiten verflog das merkwürdige Gefühl, die Geschichte rund um Pi hat einfach Sogwirkung! Am Ende dachte ich sogar: Wow! Wieso stand das Buch eigentlich die ganze Zeit ungelesen im Regal? Das hatte es nicht verdient.

Die Geschichte ist gut konstruiert. Pi, die Ich-Erzählerin, lebt in Neustadt, doch irgendwie fühlt sie sich nicht ganz dazugehörig. Ob es daran liegt, dass die Glücksinjektion bei ihr anders zu wirken scheint? Und was ist mit Lucky, ihrem besten Freund, der nun ihrer besten Freundin Moon – dem perfekten Mädchen – zugeteilt wird? Wer wird Pi zugeteilt, um das Leben mit ihr gemeinsam in Neustadt zu bestreiten bzw. so weit zu erleben, wie es die Glücksinjektion zulässt?

Als Pi mit ihren Klassenkameraden die wöchentliche Glücksinjektion abholen will, bemerkt sie zunächst keinen Unterschied. Doch allmählich schwant ihr, das etwas nicht stimmt. Spätestens als ein Mitschüler vom Dach fällt und alle anderen aufgrund ihrer Glücksinjektion gleichgültig weitermachen, sind sich Pi, Lucky und ein weiteres Mädchen sicher: Die Glücksinjektion hat versagt.

Die drei lernen zum ersten Malen im Leben, die eigenen Gefühle kennen. Sie können nicht verstehen, warum sie davon ferngehalten werden sollen.

“Wilde Gefühle.  Sie lagen in der Luft.  Sie waren stärker als jede Droge.  Sie 
belebten jedes Herz.  Es musste doch zu spüren sein – für alle?” (S. 107)

Was weiter geschieht, bleibt natürlich geheim ;-) Nur soviel sei verraten: Während der erste Teil des Buches in Neustadt spielt, geht es im zweiten Teil hinter den Zaun in die Wildnis. Welche Gefahren dort lauern, erfährt Pi bald am eigenen Leib, doch schwerer wiegt die Frage, ist das System im Unrecht? Wie kommt sie allein zurecht, nach dem sie ihre große Liebe zurücklassen muss?

“Sammle jedes Gefühl, Pi, sagte er.  Jeden Ärger, jede Regung Wut, jedes ehrliche
Lachen.  Für mich.  Nimm alles mit, Pi, für mich.” (S. 233) 

Eigentlich ist dies eine sehr tiefgründige Erzählung, die zum Nachdenken anregt. Ist das, was uns vorgegaukelt wird, einfach so hinzunehmen oder lohnt es sich aufzustehen und zu kämpfen? Pi jedenfalls will nicht länger in ihrer Dunstglocke leben und nimmt dafür sogar den Tod in Kauf.

Lena Klassen schickt den Leser auf eine atemberaubende Odyssee der Gefühle. Wild und unbezähmbar sind die Gedanken, die in Pi bahnbrechend  hervortreten. Als Leser wird man  hin- und hergezogen und leidet nicht nur einmal, mit der außergewöhnlichen Protagonistin.

Ich kann “Wild” nur wärmstens weiter empfehlen. Ich muss es jedem ans Herz legen, der eine Achterbahn der “wilden” Gefühle bevorzugt und der einfach mal eine etwas andere Geschichte lesen will, die aus dem Einheitsbrei hervorsticht.

 

[Sanja bloggt]: Amy Crossing – Raum 213 – Harmlose Hölle


Amy Crossing – Raum 213 Harmlose Hölle #1

Loewe-Verlag
172 Seiten
ISBN: 978-3-7855-7871-1
7,95 €
Empfohlen ab: 12 Jahren

Zur Autorin:
Amy Crossing verlebte ihre Kindheit und Jugend in Maryland. Im Alter von 17 Jahren zog sie mit ihrer Familie nach England. Mittlerweile lebt sie sehr zurückgezogen in der Nähe von New York.


Zum Buch:

Harmlose Hölle ist der Auftakt einer neuen Jugendbuch-Serie um den Raum 213. Bei diesem Raum handelt es sich um ein leerstehendes Klassenzimmer, in der Eerie High School. Der Raum wurde vor Jahren verschlossen, weil er angeblich nicht an das Strom-und Wassernetz angeschlossen wurde. Doch das glaubt an der Eerie High niemand. Vielmehr soll es sich bei dem Raum um das personifizierte Böse handeln. Für jeden, der den Raum betritt, ist plötzlich nichts mehr so, wie es war und er muss seine ganz eigene Hölle durchleben.

Im ersten Teil der Serie geht es um Liv, die auf einer Party mit ansehen muss, wie ihr Freund Daniel eine andere küsst. Alle Beteuerungen, das Mädchen nicht zu kennen, lässt Liv mitsamt dem Freund im Raum stehen und verlässt sofort die Party. Auf dem langen und dunklen Heimweg wird sie plötzlich von Ethan verfolgt. Sie hat Angst ermordet zu werden, doch Ethan redet nur mit ihr und verschwindet wieder. Von da an, kämpft sie nicht nur gegen ihren (Ex-) Freund, der Liv unbedingt zurückgewinnen will, sondern wird auch noch von Ethan gestalkt. Es stellt sich heraus, dass Ethan vor 2 Jahren in Raum 213 war und danach in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wurde.

Als kurz danach im alten Baumhaus, in dem Liv und ihr Bruder als Kinder gespielt haben, die Leiche eines Mädchens gefunden wird, beginnt für Liv ein Alptraum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Sie weiß nicht mehr, wem sie trauen kann und wird dazu noch weiter von Ethan und Daniel bedrängt. Aber auch ihr Bruder verhält sich auf einmal sehr merkwürdig.


Meine Meinung:
Ich muss gestehen, ich war sehr neugierig auf das Buch und habe es mir sofort besorgt. Die wenigen Seiten laden auch geradezu zum schnellen “mal eben Zwischendurch” lesen ein.

Die Autorin versteht es gekonnt, den Leser geradezu ans Buch zu fesseln. Die Spannung steigt stetig an und es kommen immer weitere unglaubliche Details ans Licht. Immer wieder wird die Handlung unterbrochen und wir erfahren, was vor zwei Jahren im Raum 213 geschehen ist. Mit jeder Seite kommen wir der Auflösung näher, trotzdem versteht es Amy Crossing weitere Haken zu schlagen und Fiktion und Wirklichkeit miteinander zu verschmelzen. Was ist wahr? Wem kann Liv noch trauen? All diese Fragen ziehen den Leser geradezu in ihren Bann.

Obwohl das Buch mit seinen 172 Seiten keine tiefgründigen Protagonisten und Handlungsstränge bieten kann, ist es doch nicht oberflächlich geraten. Ich hätte mir am Ende ein wenig “mehr” Raum 213 gewünscht. Trotzdem sehe ich den weiteren Bänden gerne entgegen.

Hervorzuheben ist noch, dass der Preis von 7,95 € auch den Code für das ebook erhält.

  • Band 2 “Arglose Angst” erscheint am 10.03.2014
  • Band 3 “Gefühlvolles Grauen” – es steht noch kein Termin fest
  • Band 4 “Falsche Furcht” – auch hier steht noch kein Termin fest


Fazit:

Ein spannender Auftakt, der zwar kleine Schwächen aufweist, aber dennoch überzeugen kann. Für Thriller-Neulinge empfehlenswert!